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Informations-Ökologie

Peter Glaser* über die Balance von Wirtschaft und Ethik in der digitalen Welt

foto glaser 72dpi

„Elektrisch zusammengezogen ist die Welt nur mehr ein Dorf“, erkannte Marshall McLuhan [1] bereits 1964. „Die elektrische Geschwindigkeit, mit der alle sozialen und politischen Funktionen in einer plötzlichen Implosion koordiniert werden, hat die Verantwortung des Menschen in erhöhtem Maß bewußt werden lassen. … Es ist dies das Zeitalter der Angst, weil die elektrische Implosion uns ohne Rücksicht auf ‘Standpunkte’ zum Engagement und zur sozialen Teilnahme zwingt.“

Mit dem Internet lassen sich heute mit derselben Freude Dinge produzieren und austauschen, mit der sie zuvor bloß konsumiert wurden. In seiner bemerkenswerten Vielfalt erweist sich das Netz als eine neue Umweltbedingung. Etwas, das uns ständig umgibt. Das mit uns wächst.

Der erste Informations-Ökologe war Charles Darwin [2]. Er versuchte, die Erde als ein verwobenes, in jeder Hinsicht dynamisches Netzwerk in ihrer lebenden Ganzheit zu fassen. Aber was die Gedanken von Darwin so überzeugend machte, waren nicht seine Theorien, sondern seine einzigartige Fähigkeit, eine große Zahl von Beobachtungen verschiedenster Art zusammenzufassen und allgemein verständlich zu machen. Inzwischen hält das Netz für jeden von uns die Mittel bereit, Ökologie auf moderner Weise fortzuführen.

Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Mehr Effizienz ist oft gleichbedeutend mit Beschleunigung, aber es gibt auch produktive Verlangsamung [3], die eine bessere und verantwortungsvollere Einschätzung von Entwicklungen ermöglicht.

Künftige Führungskräfte interessieren sich zunehmend für Themen, die Verantwortung, Ethik und das Gemeinwohl berühren. Sie wissen, dass Armut nicht auf Afrika oder Indien beschränkt ist. Sie sehen Ungerechtigkeiten – und Möglichkeiten, als Unternehmer etwas dagegen zu tun. Soziale Verantwortung von Unternehmen gehört inzwischen zum Kanon der Wertefragen. Business ist mehr als nur ein Weg zu Reichtum.

Ethik [4] sollte sich auf Fragen beziehen, die den ganzen Planeten umfassen, nachhaltiges Wirtschaften etwa, oder auf Standards, die Fortschritte international erfaßbar machen, etwa bei der Abschaffung von Kinderarbeit. Im globalen Maßstab aber ist es schwierig, von einer Ethik zu sprechen. Wir haben es mit Ethiken zu tun.

Das Internet ist das Symbol dieser Entwicklung. Wir sind auf dem Weg aus dem Einen ins Viele. Der Schiedsrichter [5] bei einem Fußballspiel ist das Inbild der alten Zeit. Er ist mit seiner singulären Sicht auf dem Spielfeld in einer wesentlich schlechteren Position als jeder Zuschauer vor dem Bildschirm seines Fernsehers oder Computers. Er betrachtete die Welt immer noch von einem vereinzelten Standpunkt aus, der ihn angesichts der elektronischen Multiperspektive hoffnungslos ins Hintertreffen geraten läßt.

In kritischen Situationen auf dem Spielfeld muß der Schiedsrichter aus seiner subjektiven Position heraus entscheiden, obwohl ihn eine beunruhigende Medienobjektivität umgibt. Der Zuschauer auf dem Sofa sieht im Lauf der nächsten Sekunden die Situation aus unterschiedlichen Kamerapositionen, in Zeitlupe wiederholt, und kann sich ein – dem Fußball angemessenes – rundes, ganzheitliches Bild machen. Zu den ethischen Grundlagen gehört nun, dass wir mehr Positionen, mehr Perspektiven zulassen müssen als bisher. Fortschritt bedeutet immer auch eine Zunahme an Unterschieden.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Understanding_Media

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Ökologie#Beginn_der_Forschungsdisziplin_.C3.96kologie

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Slow_Food

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Ethik

[5] http://www.spiegel.de/sport/fussball/videoschiedsrichter-in-der-bundesliga-die-wichtigsten-fragen-und-antworten-a-1131377.html

*Peter Glaser, 1957 in Graz (Österreich) geboren. Lebt als Schriftsteller, Technologieberater und Publizist in Berlin, arbeitet u.a. für Neue Zürcher Zeitung, Technology Review Online, c’t, GDI Magazine, Die Zeit, Der Spiegel, Brand eins. Buchveröffentlichungen u.a. „Online-Universum“, „24 Stunden im 21. Jahrhundert“, „Kopier mich!“. Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs.

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